Fusion-Robot

Schweizer Serious und Exer Game Developer

Vor kurzem wurde ich von Beat Kunz und Balthasar Caflisch in ihr kleines aber feines Büro eingeladen. Vor Ort erzählten sie mir wie es zur Gründung von Fusion-Robot kam, was sie antreibt und liessen mich ihr neues Spiel Star Capture anspielen.

Die Gründung

Während seinem Neuroinformatik-Studium besuchte Beat eine Vorlesung über Hirnwachstum und wie es bei Hirnschäden weiter geht. Es wurden Produkte vorgestellt, die versuchen durch Interaktivität den Heilungsprozess zu beschleunigen und unterstützen. Am Schluss wurden Firmen vorgestellt, die in dem Bereich Serious – und Exer Games (Spiele, die etwas Ernstem, zum Beispiel der Physiotherapie oder dem Rehabilitationstraining, dienen) arbeiten. Bei Beat ist der Funke sofort übergesprungen, er hat sich zu dem Thema eingelesen und später auch in diesem Bereich beworben. Mit YouRehab fand er schliesslich einen Job, bei dem er sein Wissen vertiefen konnte.

Nach einiger Zeit merkte Beat dass Serious – und Exer Games noch in den Kinderschuhen stecken. „In der Schweiz gibt es 3-4 Firmen, die das machen. Die Grafik ist noch nicht so gut, viele kommen halt mehr aus der Forschung und vergessen oft den Spielaspekt!“, so Beat. Als seine Verbesserungsvorschläge auf mässiges Interesse trafen, entschied er sich, eine eigene Firma zu gründen. Er wollte die Spiele in diesem Bereich verbessern und den Menschen mehr anbieten können.

Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen Michael Balsiger gründete Beat schliesslich Fusion-Robot. Beat hat vor seiner Selbstständigkeit 3-4 Jahre lang hart gearbeitet und jeden Rappen gespart. Sein erster Tipp an mich: „Es empfiehlt sich für eine eigene Firma ein Kapital für 2 Jahre zu haben. So lange braucht es, bis der Wagen einmal fährt. Vorher ist man ihn am anschieben“.
Sich eine Selbstständigkeit aufzubauen ist nie leicht und somit entschied sich Michael Balsiger, dass er lieber einen anderen Weg gehen möchte.

Beat Kunz war daraufhin einige Zeit auf sich alleine gestellt, bis sich schliesslich sein ehemaliger Kommilitone Balthasar Caflisch dazu gesellte. Die beiden lernten sich im Informatikstudium kennen und verloren sich nie aus den Augen.

Fusion-Robot existiert nun bereits seit zwei Jahren, war anfangs jedoch noch eine Kollektivgesellschaft. Nach etwa einem halben Jahr wurde Fusion-Robot dann eine GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung), weil man rechtlich gesehen mehr Sicherheit hat und auch das Kundenvertrauen gestärkt wird.

Das Unternehmen

Fusion-Robot besteht hauptsächlich aus drei Mitgliedern:

Beat Kunz: Hat an der Uni Computerlinguistik und Neuroinformatik studiert. Später arbeitete er bei YouRehab im Serious – und Exer Games Bereich.

Balthasar Caflisch: Hat ein Informatikstudium absolviert und danach als Softwareentwickler bei Mettler Toledo gearbeitet.

Prof. Dr. Michael Villiger: Er ist Physiotherapeut, arbeitet 10% für Fusion-Robot und unterstützt sie hauptsächlich im Serious Games Bereich. Er ist an der FH in Landquart angestellt und arbeitet zusätzlich in einer Klinik in Davos.

Balthasar und Beat widmen sich 100% Fusion-Robot. Die Mitglieder haben jede Woche eine Call-Besprechung zu ihren Projekten und kommunizieren über Google Hangouts.

fusion robot team - Fusion-Robot

Serious Games

Serious – und Exer Games dienen der Rehabilitation. Es gibt viele Menschen, die nach einem Unfall oder einer Verletzung ein Rehabilitationstraining benötigen.
Bei jeder Art der Physiotherapie wird auch Kardiotraining verwendet. Egal ob man ein Problem mit dem Rücken oder der Hand hat, der Home Trainer ist oft eine Voraussetzung für darauf folgende Trainingseinheiten.

Zurzeit arbeiten die Jungs von Fusion-Robot an ihrem ersten Produkt in diesem Bereich. Das Produkt beinhaltet einen Touch-Bildschirm, den man vor den Home Trainer stellt und einen Sensor, den man am Fuss befestigt. Beat und Balthasar besuchen verschiedene Rehakliniken und Physiotherapie Praxen um ihr Produkt zu testen.

Vor ungefähr zwei Monaten waren sie in der Rehaklinik Wald zu Besuch. Die Klinik stellte ihnen mehrere Patienten, die Interesse für das Projekt zeigten, als Tester zur Verfügung. So konnten Beat und Balthasar beobachten, wie die Patienten auf ihr Produkt reagieren und wie es ihnen gefällt.

Fusion-Robot legt grossen Wert darauf, dass das Spiel den Patienten gefällt, es muss schliesslich als Motivation dienen. Des Weiteren achten sie darauf, dass auch ältere Menschen oder Personen die noch nie Videospiele gespielt haben, das Spiel bedienen können.

Die Philosophie

Beat hat bereits während seiner Zeit am Gymnasium hobbymässig an Games gearbeitet. Für seine Maturaarbeit wollte er ein Game entwickeln. Der Schulleiter verbot es ihm jedoch aus Angst, Beat würde ein Shooter-Game entwickeln. Alle Bemühungen und Versprechen seitens Beat, dass er ein Spiel mit Blümchen und ohne Gewalt entwickeln werde, liessen den Schulleiter kalt. Beats Wunsch, seine Maturaarbeit der Entwicklung eines Computerspiels zu widmen, wurde ihm verweigert.  Nichtsdestotrotz hat er seither immer hobbymässig an Games getüftelt.

„Dass ich wirklich mit Games arbeite, hätte ich nie gedacht. Es war immer eher ein Hobby, bis ich dann gemerkt habe, dass man es auch für etwas Gutes brauchen kann, um Leuten zu helfen“, erklärt mir Beat. „Rehabilitation Games haben noch einen weiteren Sinn, nicht nur Entertainment.“

Durch seinen Werdegang lernte Beat Menschen kennen, denen es schlecht geht und die ein Rehabilitationstraining benötigen. Während seiner Zeit bei YouRehab lernte er einen Fussballer kennen, der eine Verletzung am Handgelenk hatte. Der Patient wusste, dass er trainieren muss damit sein Handgelenk nicht versteift, aber die Motivation war zu klein. Er war froh, dass YouRehab ihm einen Ansporn bot.

„Es gibt Menschen denen geht es schlecht und das über längere Zeit. Das Rehabilitationstraining ist oft langweilig und muss über längere Zeit ausgeübt werden. Auch wenn die Patienten wissen, dass das Training wichtig ist und sie ansonsten Konsequenzen davon tragen werden, fehlt oft die Motivation, um das Training über eine längere Zeitperiode durchzuziehen.“ Balthasar und Beat sind sich einig: „Mit unserer Arbeit in diesem Bereich machen wir etwas Sinnvolles mit dem wir die Patienten unterstützen und ihnen etwas zurückgeben können.“ Es ist für sie eine Herzensangelegenheit im Rehabilitation Bereich tätig zu sein und das bisherige Angebot zu verbessern.

Auch der Entertainment Bereich kommt bei Fusion-Robot nicht zu kurz. Hierbei ist es ihnen wichtig, dass die Spiele Spass machen und für jeden und jede zugängig sind. Auch Personen, die keine Hardcore-Gamer sind, sollen ihre Entertainment-Games spielen können. Ziel ist es so viele Menschen wie möglich zu erreichen.

Bei Fusion-Robot wird also die Hobby-Leidenschaft mit einer seriösen Seite, welche Auswirkungen aufs wahre Leben hat, verbunden.

Star Capture

Star Capture ist ein Eigenprojekt von Fusion-Robot im Entertainment-Bereich. Es ist ein Multiplayer Online Game und kann im Internet-Browser gespielt werden.

Fusion-Robot hatte sich bei ProHelvetia für die Förderung ihrer Preproduction von Star Capture beworben. Seit einigen Jahren fördert ProHelvetia interaktive Spiele und digitale Kunst. Aus 200 Bewerbern werden am Schluss 10-20 Projekte ausgesucht, die gefördert werden. „Wir haben den Ritterschlag von ihnen bekommen. Wir sind froh über die finanzielle Hilfe und es ist uns eine Ehre, dass wir aus 200 Bewerbern mit unserem Projekt überzeugen konnten.“ In der Schweiz sei es schwierig eine Förderung für Computerspiele zu finden.

fusion robot star capture 1 1 - Fusion-Robot

Für Vollbildansicht bitte Bild anklicken.

Im Spiel gibt es verschiedene Spezies, beispielsweise Flowerpower oder Boneheads. Man startet in einer Galaxie mit vielen anderen online Spielern. Jeder startet auf einem Planeten und Ziel ist es, andere Planeten einzunehmen und gleichzeitig sicher zu stellen, dass niemand den eigenen Planeten einnimmt. Im Spiel sind zurzeit alle gegen alle. Auf dem eigenen Planet stehen Schiffe zur Verfügung, die man beauftragen kann andere Planeten einzunehmen. Wird man angegriffen, gelten die Schiffe, welche auf dem eigenen Planeten stationiert sind als Abwehr. Im Spiel heisst es immer 1:1, ein Schiff des Gegners zerstört eines der eigenen Schiffe. Man muss also genug Schiffe auf dem Planeten haben, um einen Angriff abzuwehren. Umgekehrt muss man genug Schiffe schicken, um einen anderen Planeten einzunehmen. Da immer wieder neue Schiffe entstehen, ist es ratsam genug Schiffe für eine Einnahme zu schicken. Man kann seine eigenen Planeten unterstützen indem man eigene Schiffe von einem zum anderen Planeten schickt.

fusion robot star capture 2 1 - Fusion-Robot

Ziel ist es, das Spiel möglichst einfach zu halten, um alle Leute abzuholen, auch nicht Hardcore-Gamer. Es ist geplant, dass das Spiel ebenfalls auf dem Handy funktioniert und man Star Capture überall und zu jeder Zeit spielen kann. „Am besten wäre es, wenn man pro Server 200 Leute hätte. Realistischer wären aber 100 Personen pro Server zu erreichen, damit die Konkurrenz möglichst hoch ist“, so Beat. Bei den meisten Multiplayer Spielen liegt die Maximalanzahl Spieler wesentlich tiefer, was Star Capture also von anderen Spielen unterscheidet.

Eine Langzeitmotivation soll auch das Punktesystem bieten. Nimmt man eine Sternenkonstellation ein, bekommt man Punkte. So stehen anfangs noch nicht alle Spezien zur Auswahl und können beispielsweise mit Punkten freigeschalten werden.

Es wird ausserdem daran gearbeitet, dass man Allianzen gründen kann, um zu zweit zu spielen und sich gegenseitig den Rücken zu stärken. Wie dieser Aspekt genau umgesetzt werden soll, ob man beispielsweise auf zwei nebeneinander liegenden Planeten startet, ist noch unklar.

Es ist soweit! Die geschlossene Alpha-Test-Phase mit 30-40 Leuten hat begonnen. Fusion-Robot ist es wichtig, während der Alpha-Test-Phase möglichst viel Feedback zu erhalten, um das Spiel zu verbessern und Anpassungen zu machen. Da nicht immer alle Personen gleichzeitig online sind, heisst es „desto mehr desto lustiger“. Möchte man sich als Testperson melden kann man sich unter https://starcapture.net einschreiben. Des Weiteren wird es auch Streams geben für Leute, die sich nicht als Testperson gemeldet haben aber trotzdem schon mal einen Blick drauf werfen wollen. Denkt bitte daran, das Spiel ist noch sehr neu und in der Alpha-Phase. Es werden noch Änderungen und Verbesserungen folgen. Später wird es eventuell auch mehrere Maps mit unterschiedlichem Terrain geben.

Sea of Fatness

Letztes Jahr hat Fusion-Robot am Global Game Jam teilgenommen. Sie hatten zwei Tage Zeit um einen Prototypen für ein einfaches Spiel zu designen. Wie jedes Jahr gab es ein vorgegebenes Thema, dieses Mal war es „Welle“.

Der Wettbewerb fand in der Nacht, als Trump zum Präsidenten ernannt wurde, statt. Beat gesteht mir: „Da haben wir uns gedacht, wir machen ein Spiel in dem es um dicke Leute geht. Das Game spielt in der Zukunft, wo alle Menschen richtig dick sind und nur noch Burger essen wollen. Schuld daran ist natürlich Mister Trumpet.“ Als ich eher rhetorisch fragte: „Dann wurdet ihr also von Trump inspiriert“, antwortete mir Beat „ Ja, genauer gesagt von seinen Untaten“. Nebst selbst gemachten Plush-Tieren haben Balthasar und Beat auch Ansteck-Buttons mit dem Slogan „I voted for fat“ designt. Die Ideen dieses Teams sind einzigartig und es ist erfrischend, wie offen und ehrlich sie ihre Meinung kundgeben. Im Spiel geht es übrigens darum, dass all diese dicken Zukunftsmenschen Burger essen wollen und somit die bewegende Menschenmenge, die dem Burger hinterher jagt, eine Welle auslöst. Ziel ist es anhand dieser Bewegung ein Schiff und eine Bombe zusammen zu bringen.

fusion robot sea of fatness - Fusion-Robot

Kundenprojekte vs Eigenprojekte

Fusion-Robot arbeitet einerseits an Kundenprojekten und andererseits an Eigenprojekten.
Bei den Kundenprojekten wird ein Produkt erstellt, für das Fusion-Robot schliesslich bezahlt wird. Der Erlös der Kundenprojekte wird dann in die Eigenprojekte investiert.

Als ich die beiden Jungs darauf anspreche, dass ich es mir schwierig vorstelle in diesem Bereich als selbständiges Unternehmen über die Runden zu kommen, ohne einen Zweitjob zu haben, antworten mir die beiden „Klar ist es kein Schoggyleben, der Lohn ist eher niedrig, wir nennen es auch Blutlohn.“ Bei einem Kreativ-Einstieg sei es nun mal so. Beat verwies darauf, dass es im Filmbusiness nicht anders sei. Viele Filmregisseure hätten auch Auftragsarbeiten, von denen sie dann ihre eigenen Projekte finanzieren müssen.

Ein positiver Aspekt der Kundenaufträge ist, dass andere Personen auf sie aufmerksam werden und sie eventuell auch anstellen wollen. Für das Paleo Festival sollen Beat und Balthasar zum Beispiel ein Produkt erstellen, mit dem man auf der Hauptleinwand malen und eine Collage machen kann. Sie haben also auch Aufträge, die kein Game sind sondern gameartig. Bei diesem Projekt geht es um die Digitalität und die Interaktivität. Der Auftraggeber erhofft sich viele neue Kunden mit der neuen Art des Designs reinzuholen. 100‘000 Leute werden an dem Festival sein und die Wand sehen. Es ist also gut möglich, dass jemand die Wand sieht und sein Interesse an Fusion-Robot geweckt wird, was wiederum im besten Fall zu einem neuen Kundenprojekt führt. Oder wie Beat so schön sagte: „So ist der Samen für etwas Neues schon gesetzt und man hat den einen Fuss bereits in der Tür“.

Die Eigenprodukte wie Sea of Fatness oder Star Capture dienen dem Entertainment Bereich. Beat und Balthasar geben mir den Tipp, dass Marketing sehr wichtig ist und bereits von Anfang an im Auge behalten werden sollte. Sie gestehen, dass sie selbst dem Marketing zuerst zu wenig Beachtung schenkten, da sie zu wenig Zeit hatten und man zuerst Geld investieren muss. Sie versuchen nun sich in diesem Bereich weiterzubilden oder jemanden ins Boot zu holen, der sich damit auskennt.

Kontakt

Wenn ihr mehr über Fusion-Robot und ihre Arbeit erfahren möchtet, könnt ihr sie auf ihrer Homepage besuchen. Möchtet ihr auch Teil des neuen Spiels Star Capture werden und euch als Tester melden oder Streams verfolgen, dann besucht diese Seite.

Falls ihr Beat und Balthasar aka Fusion-Robot persönlich kennen lernen möchtet, sind die beiden vom 14.-16. September 2018 an der Zürich Game Show anzutreffen. Ein Besuch lohnt sich!

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